Leseprobe aus "ES NERVT! Band 3"

Der folgende Text ist aus "ES NERVT! - Wär ich doch daheim geblieben" entnommen. Viel Spaß bei der Lektüre

--------------------

Vorgeschichte

Es war ein grauer Herbstabend, vermutlich ein Donnerstag, unmittelbar vor der Tagesschau. Für jemanden, der beim Bezahlen der GEZ-Gebühren stets die Faust in der Tasche ballt und sich lediglich durch die tägliche Verfolgung dieser zumindest einigermaßen seriösen Nachrichtensendung schadlos hält, ist das die Viertelstunde des Tages, die nach Möglichkeit ohne exorbitante Störung vorübergehen sollte. Nicht aber an diesem Tag, denn just in dem Augenblick, als die wohlbekannte Erkennungsmelodie durch den Lautsprecher erklang, erzeugte ein weiteres Geräusch eine gewisse Dissonanz und erstmals fiel mir auf, dass der Sound-Designer unseres Haustürklingeltons im Bereich der Smartphone-Erweiterungen wohl keine Chance gehabt hätte.

Da weder Besuch angekündigt war, noch Klingelstreiche zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen der umliegenden Nachbarn gehören, musste es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Notfall handeln. Wasserrohrbruch, Feuersbrunst, die Zeugen Jehovas, oder ähnlich Schlimmes war zu befürchten und so trat augenblicklich der für solche Fälle parat gelegte Krisenplan in Kraft: Eigenes Outfit im Spiegel checken: OK. Eingangsbereich der Wohnung auf herumliegende Trümmer absuchen: OK. Blick mit meiner Frau austauschen, ob auch sie bereit ist, dem, was da kommt, ins Auge zu sehen: OK. Ab zur Gegensprechanlage!

Mein mehrfaches „Hallo?“ blieb unbeantwortet, was nur darauf schließen ließ, dass sich einer der lieben Mitbewohner im Haus dazu hatte hinreißen lassen, das Knöpfchen am Haustürschloss auf Durchzug, ich nenne es die „Tag-der-offenen-Tür-Stellung“, zu schalten und somit jedermann Zugang zum Treppenhaus zu gewähren. Abwimmeln mit Worten war also jetzt keine Option mehr und die Schritte auf der Treppe ließen erahnen, dass es in wenigen Sekunden an der Tür klopfen würde. Ob mein Gesicht noch den Ausdruck widerspiegeln konnte, dass ich gerade extrem im Stress bin und keinerlei Zeit für Unwichtiges habe, kann ich leider nicht mehr nachvollziehen. Ich erinnere mich nur noch die Tür geöffnet und in die Augen von Maria und Josef geblickt zu haben, die um Herberge baten. Da sie jedoch keinen Esel bei sich hatten und eine starke Ähnlichkeit mit der Cousine meiner Frau, nebst Freund, aufwiesen, verwarf ich den Gedanken schnell wieder. Ich überließ der hinter mir stehenden Blutsverwandten der vor der Tür Stehenden die ersten Worte, die ungefähr so klangen: „Ui, mit Euch hätten wir jetzt nicht gerechnet, aber kommt doch rein.“

Nach einer herzlichen Begrüßung mit anschließendem Small-Talk und verwundert ausgetauschten Blicken, wurde uns der Grund des Überfalls erklärt. Die Beiden hatten sich entschlossen zu heiraten und wollten uns die frohe Botschaft gerne persönlich übergeben. Bravo, Mission erfüllt, auch wenn man aus meiner Sicht die Dienstleistungen der Deutschen Post ebenfalls in Betracht hätte ziehen können. Wäre der Brautvater für die Überbringung der Nachricht verantwortlich gewesen, wäre meine Verwunderung deutlich geringer ausgefallen, steht er doch auf dem Standpunkt „Gespart wird, Kosten spielen dabei keine Rolle“.

Als der erste Freudentaumel verklungen war, wurde uns eine Einladungskarte überreicht, mit der Bitte bis Ende April Bescheid zu sagen, ob wir der Feier beiwohnen würden. Ich darf daran erinnern, dass zum Zeitpunkt der eben geschilderten Ereignisse, der November noch nicht einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte, von daher erschien mir die Frage „Welches Jahr?“ durchaus sinnvoll, was leicht erstaunte Blicke auf die Gesichter des Brautpaares zauberte. Wie ich dann aus der Karte entnehmen konnte, war die Zeremonie für Ende Juli des kommenden Jahres angesetzt. Also ein perfider Plan, der es jedem Eingeladenen so gut wie unmöglich machte, sich eine clevere Ausrede einfallen zu lassen, es sein denn man war Urlaubs-Frühbucher und das würde schließlich niemand freiwillig zugeben. Aus der Traum, sich zum Preis von 299 Euro für 14 Tage Malle all inklusive aus der Affäre zu ziehen.

Nach weiteren fünf Minuten mussten sich die Zwei dann schon wieder verabschieden, es gab wohl noch mehr Menschen zu überraschen und die Tagesschau war nun ja auch vorbei. Ein geheuchelt hinterhergerufenes „Danke für die Einladung, wir sehen uns dann spätestens im Juli“ kam quasi unserer Zusage gleich, dabei hätten wir doch noch fast sechs Monate Zeit gehabt, uns endgültig zu entscheiden. Ich warf meiner Frau einen leicht missmutigen Blick zu, die daraufhin in unserem begehbaren Kleiderschrank verschwand, um schon einmal eine grobe Vorsortierung vorzunehmen, was sie denn am Tag X anziehen könnte.

An dieser Stelle ist es wohl nur fair, wenn ich offen zugebe, dass mir Hochzeiten und besonders die dazugehörigen Feiern keine wirkliche Freude bereiten. Besonders dann nicht, wenn sich die Beteiligten aus dem familiären Umfeld rekrutieren. Aber auch im Freundeskreis wurde bereits in meinem Beisein geheiratet und der mir daraus entstandene Erfahrungsschatz hat mich gelehrt, solche Veranstaltungen in Zukunft zu meiden, sofern sich auch nur die geringste Chance dazu bietet. Ich bin eben kein Fan von aufgesetztem Frohsinn, Klatsch über Erbonkels und Patentanten und schon gar nicht von peinlichen Trink- und Tanzspielen, zu denen es wohl traditionell gehört, dass grundsätzlich einer der Beteiligten aus dem Rahmen fällt. Fremdschämen ist angesagt und um mir meine jährliche Dröhnung in dieser Disziplin zu holen, reicht es vollkommen aus, eine Folge von Deutschland sucht den Superstar zu konsumieren. Alternativ geht auch eine der zahlreichen, sogenannten Reality-TV-Shows. Dann ist es aber auch gut, mehr muss gar nicht sein.

Nie werde ich es vergessen, wie der Brautvater bei der Hochzeit einer zum Glück entfernt Verwandten, zu noch gar nicht allzu fortgeschrittener Stunde, damit begonnen hatte, vollkommen unverfroren die Bräutigams-Mutter anzubaggern, was zur Folge hatte, dass es nervt 3 cover deren rechtmäßig angetrauter Ehemann ein ordentliches Quantum des vor ihm stehenden Kaltgetränkes auf des Widersachers Hose verteilte. Näher möchte ich nicht mehr auf den Fall eingehen, denn ein eilig herbeigerufenes Deeskalations-Team hatte die Sache relativ schnell wieder im Griff. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätten die Hochzeitsplaner diese Krisenintervenierer nicht mit ins Kalkül gezogen. Offenbar gibt es solche Situationen bei größeren Familienfeiern öfter und die Verantwortlichen hatten bereits Erfahrung damit. Aber dafür bekommen solche Dienstleister ja auch ordentlich Geld. [...]

--------------------

Neugierig geworden? Das komplette Buch gibt es als Amazon Kindle-Edition für 2,99 € zum Download.

Top